Wer ist der beste Tennisspieler aller Zeiten? Eine Frage, die keine saubere Antwort hat
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit drei Tennis-Fans am Tisch. Einer sagt Đoković, einer sagt Nadal, einer sagt Federer. Nach zehn Minuten streiten alle drei über etwas völlig anderes — nämlich darüber, was „bester" überhaupt bedeutet. Genau das ist das eigentliche Problem.
Ich habe jahrelang mit Freunden über diese Frage diskutiert, in Foren mitgelesen, Statistiken verglichen. Und irgendwann wurde mir klar: Es gibt keinen objektiven „besten Tennisspieler aller Zeiten", weil der Vergleich über 60 Jahre hinweg schlicht nicht funktioniert. Es sei denn, man legt vorher fest, welche Kriterien zählen. Also mache ich das hier — transparent.
Wichtige Erkenntnisse
- Bei den Männern führt Novak Đoković bei den Grand-Slam-Titeln im Einzel (24) und den Wochen als Nummer 1.
- Bei den Frauen hält Margaret Court mit 24 Einzeltiteln die Bestmarke, knapp vor Serena Williams (23).
- Grand-Slam-Zahlen allein sagen wenig — Ära, Oberflächen und Tiefe des Feldes unterscheiden sich massiv.
- Vor den 1930er-Jahren existierte der Begriff „Grand Slam" noch gar nicht; frühe Titel werden anachronistisch mitgezählt.
- Wer zu den besten gehört, hängt von Ihrem Kriterium ab: Titel, Dominanz, Langlebigkeit oder Einfluss auf den Sport.
Warum die GOAT-Debatte nie endet
Die Frage nach dem besten Tennisspieler aller Zeiten klingt einfach. Sie ist es nicht. Das liegt an einem grundlegenden Problem: Tennis hat sich in den letzten Jahrzehnten stärker verändert als fast jede andere Sportart.
Das Zeitproblem
Rod Laver gewann 1962 und 1969 alle vier Major-Turniere eines Jahres — damals (1962) noch als Amateur, bevor die Open Era begann. Damals durften Profis gar nicht bei den großen Turnieren starten. Wer Laver mit Đoković vergleicht, vergleicht also nicht nur zwei Spieler, sondern zwei völlig verschiedene Sportwelten.
Und dann ist da etwas, das kaum jemand erwähnt: Der Begriff „Grand Slam" wurde erst in den 1930er-Jahren geprägt. Alles davor wird im Nachhinein mitgezählt, als hätte man es damals schon so gedacht. Ist das sauber? Nein.
Feldtiefe — der unsichtbare Faktor
In den 1970er-Jahren war die Weltspitze vielleicht 20, 30 Spieler tief. Heute kämpfen Hunderte Profis auf ähnlichem Niveau, und ein Erstrundengegner kann einen Favoriten rauswerfen. Das heißt: Ein früherer Titel war nicht automatisch leichter — aber er erforderte weniger Serien-Siege gegen Top-Leute.
Ehrlich gesagt habe ich selbst lange gedacht, das sei ein Detail. Bis ich mir alte Turnierbäume genauer anschaute. Der Unterschied ist frappierend.
Bei den Männern: das Trio, das alles dominierte
Zwischen etwa 2005 und 2023 teilten im Wesentlichen drei Spieler die Grand-Slam-Titel im Herreneinzel unter sich. Diese Ära ist historisch beispiellos.
| Spieler | Grand-Slam-Einzeltitel | Wochen als Nummer 1 | Stil |
|---|---|---|---|
| Novak Đoković | 24 | über 420 | Beidhänder, beste Return der Tour |
| Rafael Nadal | 22 | über 200 | Linkshänder, Topspin-Spezialist auf Sand |
| Roger Federer | 20 | über 300 | Einhänder, elegantes Angriffsspiel |
| Pete Sampras | 14 | 286 | Serve-and-Volley, dominant auf Rasen |
Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung fragen: Đoković hat die stärkste sachliche Bilanz — mehr Titel, mehr Wochen an der Spitze, Erfolge auf allen vier Oberflächen. Aber „bester" heißt für viele nicht dasselbe wie „erfolgreichster". Federer hat den Sport ästhetisch und kommerziell geprägt wie kein anderer. Nadal war auf Sand praktisch unbezwingbar. Alle drei zu würdigen ist ehrlicher als eine einzige Nummer.
Wie viele Wochen als Nummer 1 zählen wirklich?
Die Wochen an der Weltranglistenspitze gelten als eines der solidesten Kriterien, weil sie Konstanz über Jahre messen und nicht nur einzelne Turnierwochen. Đoković überragt hier alle. Aber auch dieses Maß hat Grenzen: Vor Einführung der computergestützten Rangliste gab es diese Statistik einfach nicht.
Beste Tennisspielerinnen aller Zeiten — der oft vergessene Teil
Warum reden fast alle nur über die Männer? Keine Ahnung, aber es ist ein Fehler.
Margaret Court, Serena Williams und die Zahlen
Margaret Court gewann 24 Grand-Slam-Einzeltitel. Serena Williams kam auf 23, gewann aber einen guten Teil davon in der modernen, extrem tief besetzten Open Era. Viele Fachleute — und ich schließe mich an — sehen Serena deshalb sportlich sogar vor Court. Dazu kommen Steffi Graf mit 22 Titeln und Martina Navratilova mit 18 Einzeltiteln plus 31 Doppeltiteln. Navratilovas Bilanz über alle Disziplinen ist schlicht absurd.
Ein Detail, das kaum jemand auf dem Zettel hat: Serena gewann ihre letzte Grand-Slam-Chance in einem Alter, in dem viele längst zurückgetreten sind. Diese Langlebigkeit auf höchstem Niveau ist ein eigenes Kapitel.
Bester Tennisspieler Deutschlands
Bei den Herren ist die Antwort klar: Boris Becker. Sechs Grand-Slam-Titel, Wimbledon-Sieger mit 17, dazu lange die jüngste Nummer 1 der Geschichte. Bis heute die prägendste deutsche Tennis-Figur.
Steffi Graf ist dagegen die beste deutsche Spielerin aller Zeiten — und für viele die beste, die der Sport überhaupt gesehen hat. Als einzige Spielerin gewann sie alle vier Majors und olympisches Gold im selben Jahr 1988. Diesen „Golden Slam" hat vor ihr niemand geschafft, danach nur eine weitere Spielerin.
Wer ist der beste Tennisspieler aktuell?
Die Spitze im Herrentennis ist seit dem Rücktritt der großen Drei offen wie lange nicht. Es gibt keine dauerhafte Dominanzfigur mehr, sondern eine Gruppe von Spielern, die sich die Titel abwechseln. Wer gerade an der Spitze steht, verschiebt sich von Turnier zu Turnier.
Deshalb Vorsicht bei Ranglisten im Netz: Viele Seiten schreiben veraltete Namen als „aktuell" hin. Prüfen Sie das Datum, bevor Sie das glauben. Der Live-Stand ändert sich wöchentlich.
Wie Sie selbst sinnvoll vergleichen
Wenn Sie in der Diskussion ernst genommen werden wollen, legen Sie die Kriterien offen. Eine praktische Reihenfolge:
- Anzahl der Major-Titel — das bekannteste Maß, aber grob.
- Wochen als Nummer 1 — misst Konstanz über Jahre.
- Erfolge auf unterschiedlichen Oberflächen — zeigt Vielseitigkeit.
- Direkte Duelle gegen die eigene Generation.
- Impact auf den Sport: Zuschauerzahlen, Vermarktung, Vorbildfunktion.
Nehmen Sie zwei Spieler und wenden Sie diese Liste an. Sie werden merken: Je nach Gewichtung kommen Sie zu einem anderen Sieger. Das ist kein Fehler im System, das ist das System.
Und was ist mit Spielern wie Laver oder Borg?
Rod Laver und Björn Borg gehören in jede ernsthafte Diskussion. Borg gewann in kurzer Zeit eine unfassbare Titelmenge und trat dann früh ab — was seine Gesamtstatistik drückt, seine Dominanz aber nicht schmälert. Laver ist der einzige Spieler der Open Era, der alle vier Majors im selben Jahr als Profi gewann (1969).
Und jetzt die unbequeme Schlussfolgerung: Wer den einen besten Tennisspieler aller Zeiten sucht, sucht eine Antwort, die es nicht gibt. Es gibt nur eine Antwort, die Sie selbst verantworten können — abhängig davon, ob für Sie Titel zählen, Artistik, Langlebigkeit oder der Moment, in dem Sie zum ersten Mal zugeschaut haben.