Aktien mit Zukunft: So filtern Sie die wirklichen Gewinner heraus
Jeden Montag dieselbe Frage in meiner Inbox: „Welche Aktie kaufe ich jetzt?" Und jedes Mal muss ich lachen. Nicht weil die Frage dumm wäre. Sondern weil sie die falsche Frage ist.
Die richtige lautet: Nach welchen Kriterien entscheide ich, ob ein Unternehmen in zehn Jahren noch relevant ist? Wer das beantworten kann, braucht keine Liste mit zehn Namen von irgendwem. Der baut sich seine eigene.
Ich habe über die Jahre einige böse Fehler gemacht. Eine Wasserstoff-Aktie, die ich 2021 für 22 Euro kaufte, steht heute bei unter 4 Euro. Von einem chinesischen E-Auto-Hersteller will ich gar nicht reden. Beide hätten in jeder „Aktien mit Zukunft"-Liste gestanden. Beide hatten ein Problem, das ich damals nicht sehen wollte: Ich hatte keine Ahnung, wie man so etwas prüft.
Wichtige Erkenntnisse
- Zukunftsaktien erkennt man an Zahlen, nicht an Schlagworten wie „KI" oder „grüne Energie"
- Vier Kennzahlen filtern 80 Prozent der heißen Luft aus jeder Watchlist
- Ein Trend nützt Ihnen nichts, wenn das Unternehmen keine Preismacht hat
- Sektorwetten sollte man in Prozent denken, nicht in einzelnen Lieblingsaktien
- Die größten Verluste entstehen nicht durch falsche Titel, sondern durch falsche Gewichtung
Warum Trends allein keine Zukunftsaktie machen
Künstliche Intelligenz, Energiewende, Demografie, Verteidigung. Das sind die vier großen Erzählungen, die seit Jahren durch jede Finanzzeitschrift wandern. Und alle vier sind echt. Nur: Aus einem echten Trend folgt nicht automatisch eine gute Aktie. Das ist der Denkfehler, der Anfänger am meisten kostet.
Nehmen Sie die Energiewende. Der Trend ist unbestreitbar, die politischen Ziele stehen, die Nachfrage nach Strom wächst. Trotzdem sind reihenweise Solar- und Wasserstofffirmen an der Börse zerlegt worden. Warum? Weil sie zwar im richtigen Markt waren, aber keinen Preis durchsetzen konnten. Wenn zwanzig Hersteller dasselbe Panel bauen, gewinnt am Ende der Kunde, nicht der Aktionär.
Das Ding ist: Ein Trend beschreibt die Nachfrageseite. Die Frage für Ihr Depot ist die Angebotsseite. Wer kann dort liefern, ohne dass Konkurrenten ihn sofort unterbieten?
Drei Fragen, die ich jedem Trend stelle
- Gibt es einen Grund, warum Kunden nicht einfach zur Konkurrenz wechseln?
- Wächst der Umsatz, oder wächst nur die Anzahl der Firmen im Markt?
- Verdient das Unternehmen Geld, oder verdient es nur Aufmerksamkeit?
Die dritte Frage ist die unangenehmste. Viele „Zukunftsaktien" verbrennen seit Jahren Kapital und erzählen dazu eine schöne Geschichte. Ich sage nicht, dass so etwas nie funktioniert. Ich sage: Sie sollten wissen, worauf Sie wetten.
Die vier Kennzahlen, die meine Watchlist überleben
Ich schaue mir heute jeden Kandidaten durch vier Filter an. Nicht mehr. Früher hatte ich zwanzig Kennzahlen und habe mich in Tabellen verloren. Heute sind es vier, und die reichen mir für eine erste Entscheidung.
1. Umsatzwachstum über fünf Jahre, nicht über ein Quartal
Ein einzelnes starkes Quartal sagt fast nichts. Erst der Fünfjahresverlauf zeigt, ob ein Unternehmen strukturell wächst oder nur von einem Sondereffekt profitiert. Mein Richtwert: durchschnittlich mindestens 8 Prozent pro Jahr. Alles darunter muss einen sehr guten Grund haben.
2. Kapitalrendite (ROCE) über 12 Prozent
Hier trennt sich die Spreu. Ein Unternehmen, das viel Kapital einsetzt, um wenig Gewinn zu machen, ist ein Geldvernichter, egal wie spannend die Branche ist. Kapitalintensive Geschäfte wie Fabriken oder Netze brauchen eine höhere Latte als Software, aber unter 12 Prozent schaue ich gar nicht weiter.
3. Verschuldung: Nettoschulden unter dem Dreifachen des operativen Gewinns
Zukunftsaktien fallen oft in Krisen, weil sie zu viel Schulden haben und dann Kapital zu schlechten Konditionen aufnehmen müssen. Genau das habe ich bei meinem Wasserstoff-Titel erlebt: Der Trend stimmte, die Bilanz nicht. Als die Zinsen stiegen, war das Geschäftsmodell nicht mehr finanzierbar.
4. Bewertung im Verhältnis zum Wachstum
Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 60 ist nicht automatisch teuer. Es ist teuer, wenn das Unternehmen nur mit 5 Prozent wächst. Ich rechne grob: KGV geteilt durch die Wachstumsrate. Kommt dabei mehr als 2 heraus, brauche ich eine sehr überzeugende Erklärung, warum ich trotzdem kaufen sollte.
Welche Sektoren 2030 wirklich tragen
Ich baue kein Depot um einzelne Lieblingsaktien. Ich baue es um Bereiche, von denen ich glaube, dass sie in fünf Jahren mehr Umsatz machen als heute. Das ist der Unterschied zwischen einer Wette und einer Strategie.
Vier Bereiche stehen bei mir derzeit weit oben. Nicht, weil sie in jeder Liste auftauchen, sondern weil sie die vier Filter überleben.
- Halbleiter und Recheninfrastruktur – hier läuft die Nachfrage schneller als das Angebot, und die Eintrittsbarrieren sind brutal hoch. Ein neues Werk kostet zweistellige Milliardenbeträge, das schreckt Nachahmer ab.
- Energieerzeugung und Netze – weniger spektakulär als Wasserstoff, aber planbarer. Wer Strom transportiert, hat oft eine regulierte Rendite und wenig Konkurrenz.
- Gesundheit und Alterung – der demografische Wandel ist keine Prognose, er ist in den Geburtsjahrgängen schon angelegt.
- Verteidigung und Sicherheitstechnik – hier hat sich die Nachfrage in Europa strukturell verändert, nicht nur zyklisch.
- Software mit Abo-Modell – wiederkehrende Umsätze, hohe Kapitalrendite, geringer Kapitalbedarf. Der langweiligste und oft beste Kompromiss.
Was auffällt: Nur einer dieser fünf Bereiche ist wirklich „neu". Zukunftsaktien sind meistens langweiliger als ihr Ruf.
Wie Sie das im Depot gewichten
Ein guter Titel mit 40 Prozent Depotanteil kann Ihr gesamtes Vermögen ruinieren. Das ist keine Theorie, ich habe es fast geschafft.
Meine Regel heute: kein Einzeltitel über 8 Prozent, kein Sektor über 30 Prozent. Klingt willkürlich, ist es auch ein bisschen. Aber sie zwingt mich, Positionen zu verkleinern, die mir zu sehr ans Herz gewachsen sind. Und genau die sind gefährlich.
Beispielhafte Aufteilung, wie ich sie handhabe
| Bereich | Anteil | Begründung |
|---|---|---|
| Halbleiter / Infrastruktur | 25 % | hohe Eintrittsbarrieren, starke Nachfrage |
| Gesundheit | 20 % | demografisch getragen, defensiv |
| Energie und Netze | 15 % | regulierte Erträge, geringe Konkurrenz |
| Software / Abo-Modelle | 15 % | wiederkehrender Umsatz, hohe Rendite |
| Verteidigung | 10 % | strukturell gestiegene Nachfrage |
| Rest / Absicherung | 15 % | Puffer für Rückschläge |
Diese Zahlen sind keine Empfehlung. Sie sind ein Beispiel, wie eine Verteilung aussehen kann, wenn man in Trends investieren will, ohne alles auf eine Karte zu setzen.
Die Risiken, die kaum jemand ausspricht
Zukunftsaktien haben ein Risiko, das in keiner Kennzahl auftaucht: Sie sind alle gleichzeitig teuer.
Wenn Kapital in dieselben vier oder fünf Trends fließt, steigen die Bewertungen dieser Titel gemeinsam. Bei einem Rückschlag fallen sie dann auch gemeinsam. Das nennt man Korrelationsrisiko, und die meisten Depots, die ich sehe, haben zu viel davon, ohne es zu wissen.
Konzentration auf wenige große Namen
Ein weiterer Punkt, der oft untergeht: Viele „Zukunftsaktien" stecken heute schon in jedem Weltindex. Wer einen breiten ETF hält und zusätzlich fünf große Technologiewerte kauft, hat in Wahrheit eine deutlich höhere Konzentration, als er denkt. Das ist nicht verboten. Man sollte es nur wissen.
Was wirklich schiefgeht, ist selten der Trend
Ich habe in den letzten Jahren gelernt: Der Trend war fast nie das Problem. Das Problem war die Bewertung zum Kaufzeitpunkt, die Bilanz des Unternehmens oder schlicht meine Ungeduld. Deshalb schreibe ich heute vor jedem Kauf drei Sätze auf. Wenn ich die nicht sauber formulieren kann, kaufe ich nicht.
Was Sie konkret tun können
Sie brauchen keine zehn Namen von mir. Sie brauchen einen Prozess, den Sie wiederholen können.
- Suchen Sie sich zwei oder drei Bereiche, von denen Sie überzeugt sind – nicht sieben.
- Prüfen Sie jeden Kandidaten an den vier Kennzahlen aus diesem Artikel.
- Schreiben Sie vor dem Kauf auf, warum Sie kaufen und was Sie zum Verkauf bewegen würde.
- Begrenzen Sie die Gewichtung pro Titel, bevor Sie überhaupt kaufen.
- Schauen Sie nicht täglich ins Depot. Das klingt banal, ist aber der schwerste Punkt.
Ich habe jahrelang gedacht, die Kunst sei, die richtige Aktie zu finden. Heute glaube ich, die Kunst ist, die vielen falschen nicht zu kaufen. Das klingt nach weniger, ist aber mehr.
Und wenn Sie sich fragen, ob Sie gerade eine Zukunftsaktie oder eine Zukunftserzählung vor sich haben, hilft eine einzige Frage weiter: Verdient dieses Unternehmen heute Geld mit dem, was morgen angeblich alle brauchen? Wenn ja, schauen Sie genauer hin. Wenn nein, fragen Sie sich, ob Sie investieren oder träumen wollen.
Ich habe beides getan. Ersteres hat funktioniert.